CHRISTOPH RANSMAYR + BROT & STERNE Unter einem Zuckerhimmel (Mandelbaum Klangbuch): Für die Klanggestaltung auf Mandelbaum sorgte, neben etwa Otto Lechner, auch öfters schon – von Homer und Karl Kraus bis H. C. Artmann und N. C. Kaser – der mit dem blinden Akkordeonmeister eng verbundene, world- & theatermusik-versierte Perkussionist Peter Rosmanith. Zusammen mit dem Trompeter Franz Hautzinger und Matthias Loibner, der mit seiner Drehleier an der Seite von Lucas Niggli mit „Still Storm“ Furore gemacht hat, bildet er Brot & Sterne. Die haben, neben ihren Traumton-„Tales of Herbst“ und pferdekopfbenebelten „Tales of Wanderlust“, auf Mandelbaum schon Texte von Christine Lavant beschallt. Nun umspielen sie die – bei S. Fischer von Anselm Kiefer illustrierten – „Balladen und Gedichte“ von Ransmayr, der dazu seine literarische Initiation durch Buchstabensuppe erinnert und durch Lieder, wie sie seine Mutter in einem Frauenchor sang, wie der Pfarrer mit der Geschichte vom geblendeten Samson oder, Jahrzehnte später, der Pechvogel in einem irischen Pub über seine kaputte Ehe und kaputte Kühltruhe. Auch wenn der Dichter als Narrator seine sublime Prosa nicht singt, durch die Musik ringsum werden auch pure Zeilen wie Wir spielen / unter einem Zuckerhimmel / Krieg liedhaft. Wenn 'Odysseus' seinen Paß bereit hat, und die Musik in See sticht, um mit klopfendem Herzen zurück auf Anfang zu kehren. Wenn eine Katze als 'Jägerin im Sonnenbad' über einen antiken Tempel, die Sonne, Leben und Tod herrscht und einen Archäologen auf die Knie zwingt. Wenn Staubteufel tanzend Laub und Staub eindrehen und das Zeug haben, als 'Tornado' Müll, Bäum' und Vieh, ja einen ganzen Tanklaster in einem apokalyptischen Aufwisch wegzurüsseln, auch wenn die Musik dazu mystisch bleibt und ihr feines Dröhnen, Flattern, Stöhnen sich nur wenig hebt, und dann doch mit der geschwellten Brust eines blauen Herbsttags dem ersten Schnee zustrebt. Wenn ein 'Steinschleifer' sich über die faulende, schmerzende Geschichte des organischen Lebens hinwegtröstet im laut- und zeitlosen Anblick von Granit und Smaragd. Wenn die Trompete sich in die Mongolei träumt, wo Činggis Qaan, mit Wunschkraft bis zum Horizont, auf die Gnade der Götter pfiff, weil ihm genügte, dass der Tag wieder ausspuckt, was die Nacht verschlungen hat, einschließlich seiner geliebten, mordenden Kinder und deren raubtatzige Herrschaft über vergeblich klagenden Opfer. Und zuletzt die 'Ballade von der glücklichen Rückkehr' über das Fern- und Heimweh der Nestflüchter und Gipfelstürmer: Und wozu alle Plagen? / Auf höchste und heilige Berge sind wir / gestiegen / weil sie da waren, einfach da. / Ach ja, sie standen im Weg / zwischen uns und der Ferne... Was es auch war, was wir hatten / es war niemals genug. Dass die Musik, die Poesie und die Nanga Parbat- & Südpol-Träume als pantheistischer oder entgötterter Humus – wie bei Teilhard de Chardin – von einem empor segregierten Pol magnetisiert und rhythmisiert werden, das sagt ja schon Brot & Sterne im Namen, und besiegelt es mit ihrem beflügelten 'Auf und davon!'. [BA 123 rbd]